Terminierung der höheren Hirnfunktionen nach Infizierung mit dem Ashera-Virus aus Snow Crash.

Datum: 20.01.2022

Kategorie
  • Realitypunk
Tags
  • Eliphas
  • Megakonzerne
  • Dialog

Meta: Marketingfurz oder Zukunftsvision?

Der Volksmund rät bekanntlich dazu, nach vorne zu schauen und die Vergangenheit ruhen zu lassen. Gegen Ende von 2021 hat sich jedoch eine Anomalie ereignet, die einen zweiten Blick verdient: die Identitätskrise des beliebtesten Social-Media-Giganten.

Es war ein unvorhergesehener Schachzug, als die menschenähnliche Lebensform mit der Bezeichnung Mark Zuckerberg vor die Massen trat und Facebook in Meta umtaufte. Der Akt erstreckte sich über eine Stunde, in der grob gehobelte Grafikeffekte eine VR-Zukunft heraufbeschworen.

Youtube video:

Im vollen Bewusstsein um ihr mangelhaftes Charisma verließ sich die Lebensform dabei auf die Strahlkraft eines Tech-Mythos: Metaversum. Dieser vermeintliche Internetnachfolger steht (vermeintlich) kurz vor der Tür und wird (vermeintlich) in Gestalt eines regelrechten Universums daherkommen. Obwohl das Wort together relativ häufig in der Präsentation auftaucht, scheint sich die Zuckerberg-Wesenheit im Zentrum dieser neuen Domäne zu sehen. Wenn nicht sogar auf dem Herrscherthron.

Um dieses Metaversum zu VR-wirklichen, setzt Facebook / Meta augenscheinlich auf die Rechenkraft seiner Oculus-Headsets und die knurrenden Mägen von Internetkünstlern (natürlich peilen Features wie die VR-Meetings auch kontrollhungrige Manager an).

Das klassische Scooby-Doo-Meme: Was findet sich unter der Maske des ominösen Meta-Typen? Das gute alte Facebook.

Der Taufakt ereignete sich vor dem Hintergrund eines neuen Datenskandals, weshalb die Rückmeldungen aus dem Netz mehrheitlich bissig ausfielen. Statt das Fundament des Konzerns abzutragen, hat die Meme-Sintflut dessen Botschaft nur noch schneller um den Erdball gespült.

So mancher Unbeteiligter dürfte sich fragen, was wirklich hinter dem Namenswechsel steckt. Beabsichtigt Meta tatsächlich, die digitale Landschaft umzukrempeln? Oder wollte man schlichtweg mehr Diversität in den Schlagzeilen?

Ich sage es ungern, aber ohne das geschulte Auge eines Propagandisten kommen wir in dieser Sache nicht weit. Es ist mir daher (k)eine Freude, einmal mehr den unsäglichen Dr. Kramer in unserer Runde willkommen zu heißen.

Eliphas: Stets zu Diensten. Obwohl ich sagen muss, dass ich mit einem weniger banalen Gesprächsthema gerechnet habe. Ist im Terminkalender des geschäftigen Van Ziegelstein wirklich Platz für den Todeskampf eines Datenimperiums?

Klotz: Todeskampf? Damit meinen Sie doch nicht etwa Facebook?

Eliphas: Es hat sich schon seit Jahren abgezeichnet. Das Netzwerk ist abgefischt. Zuckerberg muss in neue Gewässer vorstoßen. Mit einem neuen Kutter. Und neuen, besseren Fangnetzen, aus denen sich die Nutzer nicht mehr so leicht rauswinden können.

Klotz: Analogien? Aus dem Mund des akkuraten Dr. Kramer? Ich habe deutlichere Worte erwartet.

Eliphas: Es war als entgegenkommende Geste gedacht. Ihr kennt meine Definition von Deutlichkeit. Und ich kenne Eure Meinung dazu.

Klotz: Wir haben alle Zeit des Internets, von daher können Sie Ihrem Definitionswahn freien Lauf lassen. Wo fangen wir an? Beim Sündenfall?

Eliphas: Ihr habt das Wort Metaversum erwähnt. Es wäre sinnvoll, da anzusetzen.

Klotz: So soll es sein.

Der große Klotz Van Ziegelstein und der diabolische Dr. Kramer ziehen ausnahmsweise mal am selben Strang.

Die Anfänge des Metaversums

Klotz: Wie schon angedeutet, ist das Metaversum keinesfalls dem zuckerbergischen Intellekt entsprungen. Und der zuckerbergische Intellekt ist auch nicht allein in seinem (vorgegebenen) Enthusiasmus. In der Krypto-Szene war Metaversum der Schlachtruf so manches blauäugigen Investors, besonders in den Anfangstagen des DeFi-Casinos (und während der Eröffnung des NFT-Spieltischs).

Es ist verwunderlich, das Konzept an den Fahnenmasten von Social-Media-Konzernen und Kryptowährungen flattern zu sehen, ist es doch älter als beide. Es ist gleich doppelt verwunderlich, wenn man zurück zum Urknall des Metaversums geht. Denn die Idee stammt (trotz des abgehobenen Klangs) nicht aus akademischen Kreisen, sondern aus dem Tümpel amerikanischer Unterhaltungsliteratur. Genau genommen aus einem Buch namens Snow Crash. Hierbei handelt es sich nicht um einen x-beliebigen Schundroman, sondern um einen Grundstein des Cyberpunk-Genres.

Hiro nähert sich der Street. Sie ist der Broadway, die Champs-Élysées des Metaverse. Die grell erleuchtete Prachtstraße spiegelt sich stark verkleinert und verkehrt herum in seinen Brillengläsern. Sie existiert nicht wirklich. Und dennoch flanieren hier gerade Millionen Menschen auf und ab. Die Ausmaße der Street sind in einem Protokoll festgelegt, in Stein gemeißelt von den Computergrafik-Ninjameistern der Global Muldimedia Protocol Group der Association for Computing Machinery. Die Street erweckt den Eindruck eines glanzvollen Boulevards, der über den gesamten Äquator einer riesigen schwarzen Kugel mit einem Radius von knapp über zehntausend Kilometern verläuft. Dies ergibt einen Umfang von 65536 Kilometern, was den der Erde um einiges übertrifft.

— Snow Crash, deutsche Edition von FISCHER E-Books, Kapitel 3

Buchcover des Romans 'Snow Crash'.

Klotz: Neal Stephensons Bestseller hat viel mit Neuromancer gemein, einem weiteren Cyberpunk-Klassiker (kurz erwähnt in unserer Analyse von CD Projekts Sakrileg). Beide Romane warnen vor einer düsteren Zukunft, wobei der primäre Faktor für diese Verdüsterung die langen Schatten von Konzernkonglomeraten sind. Der Durchschnittsbürger ist derweil eine Zielscheibe für unerbittliche Werbekampagnen und psychotische Cyborgs.

Für unsere Diskussion am relevantesten ist der Umstand, dass in beiden Zukunftsvisionen ein aufgemotzter Internetnachfolger vorgestellt wird. Neuromancer verwendet für seine Datenwelt allerdings das Wort Cyberspace.

Eliphas: Die Ähnlichkeit ist nur bei oberflächlicher Betrachtung gegeben. Es sollte hervorgehoben werden, dass Neal Stephenson (im Gegensatz zu William Gibson, der in seinem Leben keine einzige Codezeile geschrieben hat) über nicht unerhebliche Physikkenntnisse verfügt und auch schon mal einen GCC-Compiler angeworfen haben muss. Das lässt sich bereits aus dem Abschnitt erahnen, der auf die von Euch zitierte Textpassage folgt:

Die Zahl 65536 wird den meisten Menschen ziemlich kryptisch vorkommen, nicht aber einem Hacker, der sie leichter erkennt als das Geburtsdatum seiner Mutter, handelt es sich doch um eine Potenz von 2, um genau zu sein 216, und sogar der Exponent 16 entspricht 24, und 4 entspricht 22. Zusammen mit 256, 32768 und 2147483648 bildet 65536 einen der Grundsteine des Hacker-Universums, in dem 2 die einzige wirklich wichtige Zahl darstellt: die Anzahl von Ziffern, die ein Computer erkennen kann. Eine dieser Ziffern ist 0, und die andere ist 1. Jede Zahl, die sich erzeugen lässt, indem man die 2 zwanghaft mit sich selbst multipliziert und gelegentlich eine 1 abzieht, wird einem Hacker sofort vertraut vorkommen.

— Snow Crash, deutsche Edition von FISCHER E-Books, Kapitel 3

Eliphas: In der Tat habe ich die Zahl 65536 sofort erkannt. So wie sie jeder Kenner von Firewalls erkannt hätte. Es sind technisch korrekte Details wie dieses, die Stephensons Metaverse authentisch wirken lassen. (Ich werde den Anglizismus verwenden, da die meisten Übersetzungen von Snow Crash diese Route gewählt zu haben scheinen und sich im zeitgenössischen Sprachgebrauch -verse gegenüber -versum durchsetzen wird.)

Und als Konsequenz dieser authentischen Wirkung gehört Snow Crash zur Grundausstattung jedes Regals im Silicon Valley (zusammen mit dem Cryptonomicon, dem zweiten berühmten Werk aus Stephensons Feder), während Neuromancer vorwiegend technische Laien begeistert hat.

Klotz: Sie haben uns Ihre Präferenzen mitgeteilt, Doktor. Aber Sie werden hoffentlich nicht von mir verlangen, dass ich Snow Crash den Stempel absoluter Plausibilität aufdrücke. Oder arbeiten Sie schon an einer Implementation der neuro-linguistischen Programmierung, wie sie in der zweiten Hälfte des Romans vorgeschlagen wird?

Eliphas: Nein. Der Plottwist mit dem Bio-Hacking wird ganz klar zu Unterhaltungszwecken und nicht der Wissenschaft wegen eingeführt. Die Existenz einer (durch einen sumerischen Gott geschaffenen) Ursprache zur Programmierung von Menschen wäre für den Status quo ohnehin irrelevant. Wir haben bereits die Werkzeuge für Vorhaben dieser Art. Sie heißen PR und Marketing.

Trotz seiner Fehlspekulation in diesem Bereich: Was den Reifeprozess des Internets anbelangt, hat Stephenson mehr Weitsicht bewiesen als Gibson. Im Zukunftsszenario von Neuromancer existieren Hacker (die Elite der Tech-Szene) immer noch außerhalb der Konzernmaschinerie. Im Buch werden sie romantisch als Konsolencowboys betitelt und sie sind genau das: Rebellen, die frei und ungebunden im Cyberspace umherstreifen. Die fähigsten Cowboys (z.B. McCoy Pauley oder Bobby Quine) können es mit jeder noch so großen Organisation aufnehmen.

Die unzähmbare Natur von Gibsons Hackern wird in Count Zero (dem Folgeband zu Neuromancer) illustriert:

Wig war in seinem jugendlichen Überschwang und im Hochgefühl des Ruhms losgestürmt und auf eine ausgedehnte Reise durch eher spärlich besetzte Sektoren der Matrix gegangen, die jene geografischen Gebiete repräsentierten, die einst als Dritte Welt bekannt gewesen waren. Silikon nutzt sich nicht ab; Mikrochips sind praktisch unsterblich. Darüber war sich Wig im Klaren. Wie jedes andere Kind seines Alters wusste er jedoch, dass Silizium veraltete, und das war viel schlimmer. Mit dieser bitteren Tatsache fand Wig sich ab, wie man sich mit dem Tod oder dem Finanzamt abfindet, und so machte er sich auch mehr Sorgen darüber, dass seine Geräte nicht mehr auf dem neuesten Stand sein könnten, als um den Tod (er war zweiundzwanzig) oder das Finanzamt (er gab keine Steuererklärung ab, obwohl er an eine Geldwaschanlage in Singapur einen jährlichen Prozentsatz abführte, der in etwa dem Steuersatz entsprochen hätte, wenn er sein Einkommen gemeldet hätte).

Wig folgerte, das viele veraltete Silizium müsse ja irgendwo bleiben. Es blieb, so fand er heraus, an diversen sehr armen Orten, wo die Industrialisierung noch in den Kinderschuhen steckte. In Nationen, die so unbedarft waren, dass der Gedanke einer Nation noch ernst genommen wurde. Wig hackte sich durch ein paar afrikanische Provinzstaaten und kam sich vor wie ein Hai in einem Swimmingpool voller Kaviar. Einzeln machten die schmackhaften winzigen Eier nicht viel her, aber man konnte einfach das Maul aufreißen und alles abgrasen, es war kinderleicht und lukrativ, und es kam was zusammen. Wig hauste eine Woche unter den Afrikanern, stürzte damit wenigstens drei Regierungen und verursachte unsägliches menschliches Leid. Nachdem er am Ende der Woche auf mehreren Millionen lächerlich winziger Konten abgesahnt hatte, zog er sich zurück. Als er das Feld räumte, rückten die Schmarotzer nach; die afrikanische Idee machte Schule.

— Count Zero, deutsche Edition von Tropen, Kapitel 16 (Legba)

Klotz: Meinen Dank für das Zitieren dieser exakten Passage, Dr. Kramer, damit haben Sie mir die Arbeit erspart. Entweder lassen meine Interpretationsfähigkeiten nach oder Ihre Argumentation beschreitet heute äußerst indirekte Wege. Sie haben keine Schwächen hervorgehoben sondern eben gerade die Punkte, in denen zwischen Gibsons Vision und der Realität Einklang besteht.

Die Dotcom-Ära hat ihre eigenen McCoy Pauleys and Bobby Quines in Gestalt von Draufgängern wie Jonathan James (Hackerpseudonym: c0mrade) und Michael Calce (aka MafiaBoy) hervorgebracht. Diese Jungs standen den Konsolencowboys aus Neuromancer in Sachen Unzähmbarkeit in nichts nach.

Sie erinnern sich hoffentlich noch an Angelina Jolies erste Hollywood-Rolle:

Youtube video:

Klotz: Dieser Filmstreifen glänzte nicht mit technischer Authentizität. Sein Einfluss auf die Hacker-Kultur wurde dadurch aber nicht geschmälert (man denke nur an die Hackerpseudonyme von Gruppierungen wie MOD). Was auf der Leinwand begann, wurde in der Realität nachgestellt. Und der Verwüstungszug hält bis heute an, lediglich die Namen der Vandalen ändern sich. Vor zehn Jahren hießen sie Anonymous and LulzSec. Heute heißen sie DarkSide und REvil. Ein Paradebeispiel für die transformative Wirkung des bewegten Bildes. Etwas, das einem Propagandisten gefallen dürfte.

Eliphas: Ihr verdreht den Zeitstrahl. MOD war lange vor dem Film Hackers aktiv. Die Leinwand agierte somit höchstens als Katalysator für bestehende Strömungen der IT-Subkultur, nicht als Initiator. (Ich stelle mit Missfallen fest, dass der Herr Van Ziegelstein in seiner Recherche nachlässig wird.)

Eure Fehlschlüsse sind zudem Fehlschlüsse über eine Ära, die mehr als 30 Jahre zurückliegt. Es ist 2022 (falls Euch diese Information nicht mehr präsent ist) und der Begriff Phreaking ist aus dem Wortschatz verschwunden. Die Hacker-Legenden von einst sind entweder tot oder im Ruhestand, zu Konzernberatern oder Fachbuchautoren dressiert.

Gibsons Vision hat einen Teil der Realität eingefangen, das ist korrekt. Das Problem ist, dass es die Realität der 90er war. Nicht die Zukunft.

Demgegenüber hat Stephenson das Aussterben der Konsolencowboys vorhergesehen:

»Das ist verdammt schwer«, sagt Hiro. »Für freiberufliche Hacker ist heute einfach kein Platz mehr. Du musst einen Großkonzern hinter dir haben.«

— Snow Crash, deutsche Edition von FISCHER E-Books, Kapitel 9

Eliphas: Schon auf den ersten Seiten von Snow Crash lernen wir, dass der Protagonist Hiro Protagonist (treffender Name) Geldprobleme hat. Dies in (scheinbarem) Widerspruch zu seiner Pionierrolle in der Entwicklung der Metaverse-Technologie. Kapitel 5 liefert uns eine erste Erklärung für das Paradox:

Als Hiro coden gelernt hat, damals vor fünfzehn Jahren, durfte sich ein Hacker hinsetzen und ein gesamtes Programm alleine schreiben. Doch das geht heute nicht mehr. Software kommt aus Fabriken, und Hacker sind mehr oder weniger Fließbandarbeiter. Schlimmer noch, sie können sogar Manager werden, die gar keine Zeit mehr haben, selbst Code zu schreiben.

— Snow Crash, deutsche Edition von FISCHER E-Books, Kapitel 5

Eliphas: Die Übersetzung ist an dieser Stelle leider entgleist, da sie das Wort could aus dem Original falsch gedeutet hat:

When Hiro learned how to do this, way back fifteen years ago, a hacker could sit down and write an entire piece of software by himself.

— Snow Crash, Kapitel 5 (Original)

Eliphas: Es geht hier nicht um eine Frage des Dürfens sondern des Könnens. Das Schreiben von Computercode ist eine komplexe Angelegenheit und die Komplexität steigt rapide an, je mehr Parameter dazukommen (oder, um korrekte Fachsprache zu verwenden: je mehr der Problemraum erweitert wird). Auf diesen Aspekt der Software-Entwicklung wird in Neuromancer kaum eingegangen, für Stephensons Metaverse ist er dagegen prägend.

Das Metaverse started als leere Straße, unzugänglich und unnavigierbar für alle, die nicht über das Wissen eines Hackers verfügen. Die ersten Pioniere bauen die Straße aus und erhöhen die Nutzerfreundlichkeit, was auch immer mehr Laien anlockt. Der Zustrom erhöht wiederum die Nachfrage nach (immer ausgefeilteren) Features, was die Arbeitslast der Pioniere erhöht. Die Komplexität der einzelnen Projekte (z.B. der Bau eines mehrstöckigen Unterhaltungsetablissements mit rotierenden Innenwänden und Fußböden aus kristallisierten Feuereffekten) erreicht schließlich Ausmaße, welche die Leistungsfähigkeit eines Solo-Hackers übersteigen. Nun müssen sich die Straßenpioniere in Teams organisieren, innerhalb der Teams muss sich der Einzelne auf einen Aufgabenbereich spezialisieren und die aufgabenbereichspezifischen Ressourcen verlangen nach aufgabenbereichspezifischen Lieferketten.

Organisationsstrukturen, Personal, Ressourcen: Diese Elemente werden traditionellerweise mit Konzernen in Verbindung gebracht. Von daher ist es auch nicht überraschend, dass Stephensons Hacker die Kommerzialisierung des Metaverse unterstützen, statt sich ihr entgegenzustellen. Hiros Freund Da5id vollzieht sogar den Börsengang mit seinem eigenen Unternehmen, der Black Sun.

Gibson hat den Wilden Westen in Digitalform auferstehen lassen, Stephenson hat die Besiedelung zu Ende gedacht. Die Metaverse-Hacker haben ihre Cowboy-Hüte gegen Anzug und Krawatte getauscht. Das geht bereits aus dem ersten Kapitel hervor:

Aber er würde nicht für CosaNostra fahren, wenn es anders liefe als genau so. Und weißt du auch, warum? Weil es nun mal was hat, sein Leben aufs Spiel zu setzen. Du fühlst dich wie ein Kamikazeflieger. Glasklar im Kopf. Andere Leute — Verkäufer, Burgerwender, Softwareingenieure, die ganze Palette sinnloser Berufe, die unser Leben in Amerika ausmachen —, all diese Leute vertrauen auf die gute alte Konkurrenz. Wende deine Burger oder säubere deine Subroutinen gefälligst schneller und besser, als dein Klassenkamerad von der Highschool zwei Blocks weiter seine Burger wendet oder seine Subroutinen säubert, denn wir stehen in Konkurrenz mit diesen Typen, und der Kunde merkt so was.

— Snow Crash, deutsche Edition von FISCHER E-Books, Kapitel 1

Eliphas: Hiro weigert sich, seinen Cowboy-Hut an den Nagel zu hängen. Das kommt unter anderem in der Szene zum Ausdruck, wo er das Jobangebot eines Videospielherstellers gar nicht erst in Erwägung zieht. Sein Trotz ist die Ursache für sein Casflow-Problem (wie er es nennt), obwohl es auch für ihn noch einen Schreibtisch im globalen Konzernmoloch hat. Aber dieser Schreibtisch hat seine Definition von Freiheit zum Preis.

Klotz: Ich sehe allmählich, weshalb Magnaten aus dem Zuckerberg-Buchclub versucht sein könnten, sich diese Geschichte zum Leitfaden zu nehmen. Möglicherweise war die Inszenierung als langjähriger Snow-Crash-Fan doch keine Inszenierung.

Eliphas: Ein hypothetischer Buchclub dieser Art hätte auch Peter Thiel und Jeff Bezos zu seinen Stammmitgliedern gezählt (letzterer hat Stephenson sogar als Berater für sein Blue Origin Projekt herangezogen). Der Roman war eine Blaupause für den Werdegang des Internets und seiner Gründer. Nicht mehr und nicht weniger. Genau wie Hiros Hackerfreunde haben auch die (meisten) Eroberer aus dem Silicon Valley die Transformation von Coder zu Geschäftsmann durchlaufen.

In diesem Zusammenhang ist ebenfalls bemerkenswert, dass Stephenson die Tech-Elite des Metaverse (im Kontrast zu Neuromancer) nicht mit einer neuen Wortkreation versehen, sondern Rückgriff auf das bestehende Wort Hacker genommen hat. Und dieses ist innerhalb der Buchwelt nicht einmal universell gebräuchlich. Viele Charaktere nehmen weniger rebellisch klingende (teils sogar zeitgenössische) Bezeichnungen in den Mund. Lediglich aus Hiros Sicht (der Sicht des alten Hasen) ist jeder Schöpfer von Code primär ein Hacker.

Die terminologische Evolution in unserer Welt ist in ähnlichen Bahnen verlaufen. Damals, als die Rechenkraft eines Smartphones ganze Stockwerke belegte und Computercode ein arkanes Mysterium darstellte, waren alle Meister der Kunst Hacker. Dann kamen die ersten Computerviren und die Presse benötigte einen Namen für die bösen Buben. Und dann, eines Tages, hatte sich das Produktionsniveau der Universitäten der Nachfrage aus der Industrie angeglichen, wodurch das Mysterium zur Dienstleistung wurde. Das endgültige Ende des (originalen) Hackerbegriffs kam mit der Geburt HR-tauglicher Kategoriebezeichnungen wie Front- und Backend Developer, Software Engineer, System Administrator, DevOps Engineer etc. (Ich benutze die englischen Berufsbezeichnungen, da Personalabteilungen Deutsch verlernt zu haben scheinen und ich annehme, dass der Herr Van Ziegelstein so inklusiv wie möglich sein möchte.)

Sogar die Aktivitäten eines Hackers nach medialem Begriffsverständnis lassen sich in einer klar definierten Berufsgattung zusammenfassen, komplett mit eigener HR-Schublade: Penetration Tester. Hier ein zufällig ausgewähltes Stelleninserat:

Ein zufällig ausgewähltes Stelleninserat für eine offene Rolle als 'Penetrationstester'.

Eliphas: Dem Schlips-Hacker winkt ein Premiumpaket, Zahnreinigung und Augenkontrolle inklusive. Und das ist nur ein Inserat von tausenden.

Bevor wir weiterfahren, würde ich noch gerne auf den in der Anzeige erwähnten government customer hinweisen, um langatmige Themen wie die Lazarus Gruppe oder TAO gleich vom Tisch zu nehmen. Die schlagzeilenträchtigen Cyber-Angriffe von heute gehen mehrheitlich auf das Konto staatlicher (oder staatlich finanzierter, nicht das ein wesentlicher Implementationsunterschied besteht) Akteure. Stichwort SolarWinds: (vermutungsweise) eingefädelt von der (vermutungsweise) russischen Nobelium-Gruppe.

Ich denke, wir sind uns beide einig, dass ein Cowboy mit Regierungsauftrag in fundamentalem Widerspruch zur Definition des Wortes steht.

Es liegt vielleicht nicht unmittelbar auf der Hand, wie dieses Sammelsurium permanent aktiver Einbrecherorganisationen seinen Personalbedarf deckt, da ein Magister in Exekutionsflussumleitung und Lateraler Bewegung nicht existiert. Die Antwort ist schnell gefunden: Moderne Hacker werden (wie moderne Propagandisten) in Onlinekursen herangezüchtet, dann in passenden Arbeitslagern (die nach dem bewährten Upwork-Schema strukturiert sind) eingesetzt.

Klotz: Tragisch, ein derart hochstehendes Handwerk zu einem Fiverr-Gig reduziert zu sehen.

Eliphas: Tragisch ist das falsche Wort. Es ist der logische Ausgang der Internetrevolution. Stephenson war (in dieser Hinsicht) ein Prophet.

Klotz: Auch mit dem Zusatz »in dieser Hinsicht« weist Stephensons Vision noch immer Löcher auf, Dr. Kramer. Das größte davon ist der Umstand, dass alle in derselben Ausgabe des Metaversums landen. Es gibt keine personalisierten Illusionen. Anders als im heutigen Internet, wo keine zwei Facebook-Feeds, keine zwei Google-Ergebnisseiten oder Twitter-Vorschläge identisch aussehen. Jeder Nutzer wandelt durch sein eigenes Content-Universum, penibel auf sein Weltbild und unterbewusste Charakterzüge getrimmt.

Und weil in Stephensons Metaversum die Wahrheit nicht in mehreren Farben daherkommt, fehlt auch der Lärm ideologischer Kreuzzüge.

Eliphas: Stephenson war letztendlich kein Propagandist. Es hätte das Wissen eines Hackers und das eines Sozialwissenschaftlers gebraucht, um die zerrüttende Wirkung der Facebook-Algorithmen vorherzusehen.

Um ehrlich zu sein bin ich überrascht, dass ich als Stephensons Verfechter agieren muss. Ursprünglich hatte ich Euch in dieser Rolle gesehen. Insbesondere wegen dem, was Ihr in Eurer eigenen Kristallkugel gesehen habt. Erlaubt mir, aus Euren eigenen Schriften zu zitieren:

Dort saßen sie, die selbsterkorenen Dämonen des 30. Jahrhunderts, weit über die Ränge verstreut. Die vorherrschenden Stilrichtungen waren entstellte Albtraumkreaturen und Anzugträger mit zurückgegelten Haaren. Ein Ausdruck der Mischung aus Kult und Unternehmertum, in der die meisten Schattengilden organisiert waren.

— Plünderer, Kapitel 5

Eliphas: Gemäß Eurer eigenen Prophezeiung werden in der virtuellen Realität des Neobarbaren-Zeitalters (ehemals) menschliche Intelligenzen um Vorherrschaft ringen. Intelligenzen, die trotz ihres körperlosen Daseins in straffen Hierarchien organisiert sind. Diese Vision ist näher an der von Stephenson.

Klotz: Um es in Ihren eigenen Worten auszudrücken, Dr. Kramer, die Ähnlichkeit ist nur bei oberflächlicher Betrachtung gegeben.

Erstens heißt der Internetnachfolger der Neobarbarenzukunft Omninet (eine terminologische Abweichung ohne Folgen für die Implementation, ich weiß).

Zweitens: Die Menschen sind in jener Zukunft direkt über Hirnimplantate (WCs) an den Datenverkehr angehängt. Das ist näher an Neuromancers Cyberspace-Technologie als an den VR-Brillen von Hiro & Co.

Und drittens: Die Schattengilden bestehen nicht aus ehemals menschlichen sondern entmenschlichten Intelligenzen. Sie sind keine Hacker. Sie sind Geister, die in den Windungen von Maschinen und Hirnen spuken, erpicht auf das Verbiegen jeder Schlussfolgerung. Und das Endziel ist wohl die Tilgung des Homo Sapiens.

Eliphas: Blumig. Und doch unvollständig. Die Beschreibung lässt aus, dass sich die Schattengilden nicht über weltliche Belange erhoben haben. Ihre unsichtbaren Hände graben in den Reserven von Megakonzernen und heben Netzstars (gegen ein angemessenes Opfer) zu ihren Thronen empor.

Klotz: Mir scheint, Sie haben das Manuskript tatsächlich gelesen.

Eliphas: Ich habe es als meine Pflicht gegenüber dem Stamm angesehen.

Klotz: Einem Stamm, der Sie verstoßen hat. Vergessen Sie das nicht, Doktor.

Eliphas: Mein Erinnerungsvermögen ist unbeeinträchtigt. Aber ich muss erneut fragen: Warum die ablehnende Haltung gegenüber Stephensons Vision?

Klotz: Ich lehne Stephensons Vision nicht ab. Ich habe bloß eine gewisse Skepsis, was die Umsetzung des Metaversums betrifft. Insbesondere des zuckerbergischen Metaversums.

Gestatten Sie mir einen kurzen Exkurs …

Von Raketenstarts und Fehlzündungen

Klotz: Sie haben es richtig gesagt, Dr. Kramer. Wir schreiben das Jahr 2022 und die Programmabstürze von Windows 95 sind längst verhallt. Disruption ist nicht mehr das exklusive Produkt von Silicon Valleys Garagen. Mittlerweile wird überall auf der Welt disruptiert, und der nächste Gamechanger kann an den unwahrscheinlichsten Orten und zu den unwahrscheinlichsten Zeiten auf den Plan treten.

Das prominenteste Beispiel dafür ist wohl Bitcoin, dessen technische Spezifikationen (von dem nach wie vor unbekannten Schöpfer) in einer Mailingliste ausgebreitet wurden.

Youtube video:

Klotz: Obwohl sich die Tech-Industrie Disruption groß auf die Fahne geschrieben und diese Fahne schon in so ziemlich jeden Winkel getragen hat, so ist ein Winkel doch relativ undisruptiert geblieben: Der Parkplatzdschungel des heiligen Silicon Valley selbst, dessen Geschäfts- und Finanzierungsmodelle in alle Start-up-Hubs kopiert wurde, von Europa bis Shenzhen.

Das Kernstück der Silicon-Valley-Formel ist der sogenannte Moonshot: Technologie mit dem Potential, das menschliche Dasein entscheidend und dauerhaft zu verändern. Etwas wie der PC. Oder die Atombombe. Oder eine virtuelle Parallelwelt.

Die alte Garde des Valley macht keine halben Sachen, wenn es um die Entwicklung von Moonshots geht. Google hat einen ganzen Geschäftszweig (die berüchtigte X Division), der Tag und Nacht an der nächsten Dotcom-Rakete bastelt.

Zur Frage, weshalb sich gerade diese Formel durchgesetzt hat …

Eliphas: Sie hat sich wegen Angst und Gier durchgesetzt. Was die alte Garde angeht, so ist sie sich der zweischneidigen Natur des Disruptionsbegriffs stets (und wirklich stets) bewusst: auch ein Disruptierer kann disruptiert werden (dieses Wort hätte aus meiner Sicht nie in den deutschen Sprachgebrauch eingeführt werden dürfen, aber ich werde es der Korrektheit halber ebenfalls verwenden). Selbst die absoluteste Marktdominanz ist nicht absolut genug und ein milliardenschwerer Tech-Gigant so angreifbar wie ein Garagenprojekt. Yahoo kann davon ein Liedchen singen.

Die Start-up-Szene, welche im Sumpfland jenseits der Bürokomplexe von Big Tech operiert, hat sich der Formel durch das Eliminationsverfahren angenähert. Der Überlebenskampf der frühen Wachstumsphase (der berüchtigte Marsch durch das Tal des Todes) und die Konditionen, zu denen Wagniskapital bereitgestellt wird, lassen keine Alternativen zum Moonshot zu. (Teilweise wird auch von Einhörnern statt Moonshots geredet. Das Konzept ist dasselbe.)

Klotz: Da Sie die Konditionen von Wagniskapital ansprechen: Für mich sieht das nach dem ursprünglichen Henne-Ei-Problem der Tech-Industrie aus. Was kam wirklich zuerst? Das Bedürfnis von Investoren, das monumentale Risiko ihrer Anlagen durch monumentale Renditen auszugleichen? Oder war es das monumentale Wachstum von Big Tech, das monumentale Erwartungshaltungen bei Investoren hervorgerufen hat?

Womöglich reicht Ihr Wissen in dieser Angelegenheit tiefer, aber ich vermag hier keine eindeutige Antwort zu erkennen.

Eliphas: Nicht alle Henne-Ei-Probleme verlangen nach einer Lösung. Und in diesem Fall ist irrelevant, was zuerst kam. Fakt ist, dass sämtliche Startrampen der Tech-Industrie auf den Mond ausgerichtet sind. Egal, ob es sich um die verchromten Rampen einer X Division oder die Holzkonstruktion eines Exzentrikers handelt.

Und Zuckerberg sieht ganz klar das Metaverse als den nächsten Krater, in dem er seine Flagge hissen kann.

Klotz: Bevor irgendwelche Flaggen gehisst werden, gilt es, den Krater zu erreichen. Nicht alle Moonshots sind von Erfolg gekrönt (wie auch die NASA-Chronik zeigt) und diese Mission könnte sich durchaus zu Facebooks Apollo 13 entwickeln. Schauen wir uns doch mal an, was der Leiter des Oculus-Projekts zu den Fortschritten hinsichtlich Metaversum meint:

Youtube video:

Klotz: Dieses Video weicht stark von der optimistischen Zukunftsbeschwörung der Zuckerberg-Lebensform ab.

Die jüngeren Gesichter in unserer Runde sind möglicherweise nicht mit dem Namen John Carmack vertraut. Sicherheitshalber sei deshalb erwähnt, dass dieses Individuum kein beliebig austauschbarer Eierkopf aus Facebooks Entwicklerstall ist, sondern ein Urgestein des Silicon Valley (möglicherweise gar einer der letzten aktiven oldschool Hacker).

John Carmack hat Game-Engines entworfen, bevor das Konzept einer Engine existierte und er war der Meisterschmied, der den berüchtigsten Ego-Shooter aller Zeiten aus den Feuern von ANSI C geholt hat: Doom. Ein Videospiel mit derart weitreichendem Einfluss, dass sich sogar der alte Bill genötigt sah, es in seine Marketingkampagnen zu integrieren:

Youtube video:

Eliphas: Eine Bemerkung zur Terminologie: Ihr habt das Wort Ego-Shooter benutzt. Dieses ist heute gängig und hat auch eine gewisse Logik, da der Konsument solcher Spiele (vermeintlich) direkt in die Haut der Hauptfigur schlüpft. Allerdings ist die Bezeichnung jünger als die Spielekategorie. Der ursprüngliche Fachbegriff für eine Gefechtssimulation mit Egoperspektive war Doomklon.

Klotz: Für einmal eine kramersche Anekdote, die nicht völlig uninteressant ist. Möglicherweise wäre der Begriff Doomklon auch heute noch anwendbar. Zumindest vermag ich im Spieledesign zeitgenössischer Shooter keine signifikante Abweichung von Carmacks Geniestreich zu erkennen. Möglicherweise wird Carmack in der VR-Sparte einen ähnlich langen Schatten werfen, mit Oculus als dem Alpha und Omega der Technologie. Aber wird das für einen Moonshot ausreichen?

In seinem Video betont Carmack mehrmals, dass der Fokus auf Produkten und nicht technischem Firlefanz liegen sollte. Er gibt auch offen zu, dass viele Quest 2 Headsets in Schubladen verrotten. Ich nehme das als Indiz, dass wir noch weit von einem zweiten 2007 (der Enthüllung des ersten iPhones) entfernt sind.

Aber ein zweites 2007 ist genau das, was die Zuckerberg-Lebensform für einen Raketenstart braucht. Um in die Fußstapfen des Rollkragen-Steve zu treten, muss sich die Lebensform gleich in mehreren Bereichen Fortunas Gunst sichern:

  • Die (zahllosen) technologischen Hürden müssen bewältigt werden.
  • Das Endprodukt muss sich in einem für die Massen angenehmen Preisrahmen bewegen.
  • Der Durchschnittsbürger, die Durchschnittsbürgerin und das Gender-Spektrum dazwischen muss das Produkt wollen.
Schaukasten des ersten iPhone im Jahr 2007.

Anders als Carmacks Cortex scheint sich das Reptilienhirn des Facebook-CEO einen Fantasiemarkt vorzustellen, wo allein der Begriff Metaversum für den Konsumenten einen offensichtlichen Mehrwert besitzt. Das Internet ist mit den Webseiten vergessener Unternehmen gepflastert, die denselben Fehler begangen haben.

Wie Carmack gegen Ende des Videos sagt: Die menschliche Evolutionsbiologie hat sich an den Hosentaschencomputer angepasst. Das Flimmern neuer Nachrichten schüttet Endorphine aus, das Navigieren verschachtelter Menüs hält die Feinmotorik in Schwung. Mit der VR-Ausrüstung von heute herumzulaufen erfordert jedoch eine Gattung Mensch, die noch nicht existiert.

Die idealste Ausrüstung wäre keine Ausrüstung: die sagenumwobene Erlebnismaschine. Erst wenn sich die virtuelle Realität dem Original genug angenähert hat und der Wechsel mit einem Knopfdruck vollzogen werden kann, haben wir ein zweites 2007. So lautet zumindest meine Prognose.

Aus diesem Grund sehe ich Snow Crash auch nicht als ein realistischeres Neuromancer. Für das Betreten des Cyberspace müssen sich die Konsolencowboys nur Troden an die Schläfen kleben. Keine Headsets, keine klobigen Steuereinheiten. Direkte Neuralstimulation. Die Nutzerfreundlichkeit ist hier wesentlich größer als bei brillenbasierten Konzepten. Genau der Grad an Nutzerfreundlichkeit, den ich bei einem Produkt für den Massenmarkt voraussetzen würde.

Eliphas: Die Troden sind die überlegene Lösung. In der Theorie. In der Praxis besteht das Problem, dass sich nicht einmal die grobe Silhouette einer solchen Technologie am Horizont abzeichnet. Das Brain-Computer-Interface ist eine Fabel.

Klotz: Ist es das?

Eliphas: Euer eigener Daseinszustand ist nicht reproduzierbar. Selbst wenn er es wäre, bezweifle ich, dass ihn jemand für sich reproduzieren wollte. Außerdem besteht Grund zur Annahme, dass die für Euren Zustand verantwortliche Technologie eine Sackgasse darstellt (zumindest in Bezug auf BCIs).

Neuralink wäre eventuell ein Streitpunkt. In Anbetracht Eurer Vergangenheit mit dem Raketenmilliardär gehe ich aber davon aus, dass auch Ihr nichts anderes als Vaporware aus den Büros dieser Medienfirma erwartet?

Stephensons Brillenkonzept ist die plausiblere, klarer abgesteckte Route in die Datenwelt.

Klotz: Eine Route, die auf der Funktionsweise alter Röhrenfernseher basiert. Die Brillen aus der Welt von Snow Crash sind bereits überholt, da sie gar keine eigenen Illusionen erzeugen können. Stattdessen wird ein externer Projektor benötigt, der die virtuelle Realität mit einem Laserstrahl auf die Brillengläser malt. Ein Design im Stil der antiken Kathodenröhre.

In den 90ern mag dieses Konzept noch plausibel angemutet haben, aber für jemanden aus dem Jahr 2022 ist es geradezu steinzeitlich. Es wäre sicher nicht etwas, das die breite Masse ansprechen würde. Nicht einmal in der fiktiven Zukunft von Snow Crash, wenn man es genau nimmt.

Sie sind über Neuromancer hergezogen, Doktor, aber Stephensons Roman nötigt dem Leser ein nicht weniger hohes Maß an Glaubensbereitschaft ab: Wir sollen uns eine Welt vorstellen, in der überarbeitete, werbemüde Lohnsklaven mit einer Aufmerksamkeitsspanne von einem halben Prozessorzyklus (auf wundersame Weise) doch noch Nerven für das Herumhantieren mit klobigen Apparaturen haben. Und das Ganze für eine (im besten Fall) imperfekte Halluzination. Und das Ganze in einer Welt, in der einfacher (und billiger) konsumierbare Alternativen wie Cannabis existieren.

Gleichzeitig setzen in unserer Realität die fortschrittlicheren Oculus-Brillen Staub an.

Eliphas: Ich teile Eure Meinung. Für die flächendeckende Markteinführung ist eine Verfeinerung der Technologie notwendig. Allerdings sehe ich nicht die Handhabung als die verfeinerungsbedürftige Komponente. Der größte Stolperstein auf dem Weg zu einem zweiten 2007 ist die Welt innerhalb der VR-Brillen.

Connect 2021 war nicht nur eine Bühne für verbale Propaganda. John Carmack hat einen Einblick in den aktuellen Stand von Horizon Beta gegeben:

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Eliphas: Es lässt sich eine objektive Aussage tätigen, wonach diese Iteration des Metaverse noch Lichtjahre von Stephensons Entwurf entfernt ist.

  • Die abgehackten Bewegungen der Avatare lassen auf Skalierungsprobleme mit dem Netzwerkcode schließen.
  • Das Clipping des Mikrofons dürfte niemandem entgangen sein. Die Routinen für Kollisionserkennung stecken noch in den Kinderschuhen.
  • Auf Dauer möchte niemand ein schwebender Torso sein, von daher ist das Hinzufügen von Beinen kein Ob sondern ein Wann. Dieses Feature ist ein eigenständiger Problemraum (unbestimmten Ausmaßes), in dessen Tiefen produktgefährdende Bugs lauern könnten.

Aber diese Baustellen sind im Grunde Nebenschauplätze. Das Hauptproblem ist ein anderes. Eines, das sowohl eine Frage technologischer Realisierbarkeit als auch der öffentlichen Meinung ist.

Seit Beginn des 21. Jahrhunderts hat sich der Mensch durch digitale Inhalte geclickt. Inhalte, die immer reichhaltiger und komplexer geworden sind. Inhalte, die neue Maßstäbe für künftige Inhalte gesetzt haben.

Nehmen wir den zuvor erwähnten Videospielklassiker als Beispiel. Doom existiert immer noch. Und es hat sich einiges getan, seit Bill mit einer Spielzeugwaffe herumgefuchtelt hat:

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Eliphas: Aus technischer Sicht macht ein Direktvergleich zwischen Videospiel- und VR-Grafik natürlich wenig Sinn. Die Öffentlichkeit (als Masse) hat jedoch nicht die Kapazität, über Sinnhaftigkeit zu entscheiden und wird Vergleiche ziehen. Bewusst oder unbewusst.

Und die Protowelten der gegenwärtigen VR-Technologie machen neben dem Spektakel von triple-A Videospielen keine gute Figur. Ein Standardkonsument, dessen Stoffwechsel auf die Verdauung von Pixar-Filmen und Call of Duty eingestellt ist, wird beim Blick durch die Oculus-Linsen bestenfalls Unverständnis, schlimmstenfalls Enttäuschung empfinden.

John Carmack hat es selbst gesagt: Das 21. Jahrhundert ist das Jahrhundert des Bildschirms. Säuglinge haben ihren Daumen auf dem Tablet bevor sie ihn im Mund haben. VR steht deshalb vor der Herausforderung, eine Bildschirmspezies in einen dreidimensionalen Lebensraum umzusiedeln. Etwas, das nur gelingen kann, wenn Dating im Metaverse so einfach ist, wie auf dem Smartphone nach rechts zu wischen.

Klotz: Ihr Erfolgsszenario klingt so unrealisierbar wie meines. Womit wir wieder bei der Ausgangsfrage angelangt wären. Glauben Sie, Facebook wird sich tatsächlich diesem jahrelangen (vielleicht gar jahrzehntelangen) Bauvorhaben verschreiben? Oder ist die Meta-Umtaufung bloß ein PR-Stunt?

Eliphas: Sie ist mehr als ein Stunt. Zuckerberg wird all seine Ressourcen in die Metaverse-Idee stecken.

Klotz: Aber zu welchem Zweck? Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Zuckerberg-Intellekt eines schönen Morgens den Standby-Modus beendet und sich spontan zu einer hochriskanten Mondmission (mit ungewissem Ausgang) entschieden hat.

Eliphas: Zuckerberg tut, was für das Überleben seines Imperiums nötig ist.

Das langsame Dahinsiechen von Facebook

Eliphas: Zuckerbergs Flaggschiff mag von außen wie ein unaufhaltsamer Dampfer wirken, aber hinter den Legionen kaffeesüchtiger Entwickler und gekaufter Influencer befindet sich das Krankenbett eines überfälligen Patienten.

Um ein altes Wirtschaftsmantra zu bemühen: »Wenn das Produkt kostenlos ist, ist es nicht das Produkt.« Facebook hat nie technologische Innovation angestrebt. Die Hauptmission war (in Zuckerbergs eigenen Worten) Leute zusammenzubringen.

Mit Leuten sind natürlich Propagandisten und ihre Zielgruppen gemeint.

Klotz: Sie vergessen die Gesichtserkennungsalgorithmen. Facebook konnte diese Technologie nicht einfach von den Bäumen pflücken. Ebensowenig wie die Logik, die für einen individualisierten Content-Feed sorgt. So sehr es mir missfällt, den Namen Zuckerberg im Zusammenhang mit Innovation zu nennen: Die Routinen, die Facebooks Datenverkehr regulieren, waren Pionierarbeit. Weniger greifbar als die Glühbirne, aber mindestens so spektakulär.

Eliphas: Meine Aussage hat sich nicht auf die Präsenz von Innovation sondern deren Stellenwert im Geschäftsmodell bezogen (bis jetzt war sie nie kursbestimmend). Facebook war von Beginn weg auf Kunden wie mich zugeschnitten. Werbefachmänner, PR-Berater, Marktschreier: Wählt das Wort, das Euch genehm ist. (Ich werde natürlich beim traditionellen Begriff Propagandist bleiben.)

Was ist es also, das Zuckerbergs Plattform (für lange Zeit) zum Mekka für Propagandisten gemacht hat? Digitale Werbeanzeigen lassen sich wohl als Antwort nennen, aber das ist nur die Kurzfassung. Stellen wir uns ein fiktives Szenario vor:

  • Ein Kosmetikhersteller möchte das (hypothetische) Marktsegment heterosexueller Single-Männer erschließen, deren Konsummittelpunkt im Rheinland lokalisiert ist und die zudem die Persönlichkeitsmerkmale einer frühen Midlife-Crisis aufweisen.

In den dunklen Zeitaltern vor Facebook hätte sich der CPO (Chief Propaganda Officer) dieses Herstellers zunächst einmal auf die Jagd nach Subjekten begeben müssen, die dieser Definition gerecht werden. Anschließend hätte er eine physische Versammlung abhalten und mit dutzenden Fragebögen experimentieren müssen, bis sich die Grundzüge einer Kommunikationsstrategie herausgeschält hätten.

Die Resultate aus diesen sogenannten Fokusgruppen waren immer mit Vorsicht zu genießen. Einerseits wegen Schwächen hinsichtlich der Zusammensetzung (die Gruppe repräsentiert nicht das Marktsegment). Zum anderen wegen Parametern der Gruppenpsychologie: Das Individuum modifiziert sein Verhalten in Gegenwart seiner Mitmenschen. Jede Aussage wird automatisch auf ihre Kompatibilität mit dem Gruppenkonsens geprüft, wobei in der Regel Harmonie angestrebt wird (und teilweise auch die Verbesserung der sozialen Stellung innerhalb der Gruppe).

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Eliphas: Facebook hat diesen langwierigen Prozess wegoptimiert:

  • Auf dem Höhepunkt von Facebooks Beliebtheit hatten sogar Katzen und Hunde Profile. Profile, über die Daten erhoben wurden. Detaillierte, kategorisierte Daten. Schlagartig hatte jeder Propagandist einen direkten Draht zu einem statistisch signifikanten Querschnitt jeder erdenklichen Gesellschaftsuntergruppe (und jeder Untergruppe jeder Untergruppe).
  • Wie sich herausstellte, sind Menschen eher bereit, ihr Privatleben mit einer fremden Datenverarbeitungsmaschine zu teilen als mit einem fremden Marktforscher.

Im Beispielszenario mit dem Kosmetikhersteller müssten wir uns somit nicht mit unpersönlicher (und ineffizienter) Massenkommunikation begnügen. Stattdessen könnten wir den Akademiker mit wissenschaftlichen Fakten überzeugen und den alternden Frauenhelden mit Bildmaterial, den türkischen Migranten mit Produktrezensionen seiner Landsleute und den Oktoberfeststammgast mit ein paar spontanen Videoclips.

Klotz: Wenn Sie schon so voller Lob für das Zuckerberg-Imperium sind, dürfen Sie auch dessen Propagandauniversität nicht unerwähnt lassen. Diese einsteigerfreundlichen Onlinekurse sind darauf ausgerichtet, Novizen Schritt für Schritt in hinterlistige Manipulatoren kramer’schen Formats zu verwandeln.

Facebooks Katalog an Onlinekursen für aufstrebende Propagandisten.

Klotz: Zudem verwundert es mich, dass ein Terminologiefetischist wie Sie von Bereitschaft spricht. Die wenigsten Facebook-Nutzer sind sich im Klaren darüber, wie viel sie von sich preisgeben. Wären sie es, würden sie der Plattform so ablehnend gegenüberstehen wie einem Marktforscher.

Die zuckerbergischen Algorithmen sammeln längst nicht nur statische Profildaten. Sie werten jede Art von Nutzeraktivität, jede Art von Interaktion aus.

Eliphas: Selbstverständlich tun sie das. Ich habe genau diese dynamische Analyse gemeint, als ich von Daten gesprochen habe. Die Informationen aus den vordefinierten Profilfeldern sind wertlos (da immer noch zu stark von Gruppenpsychologie beeinflusst). Es sind die Verhaltensmuster der regulären Nutzung, in denen sich das wahre Selbst der Subjekte offenbart.

Wie lange scrollt Subjekt-7463 durch seinen Feed? Was lässt es innehalten? Welchen Seiten / Profilen widmet es den größten Prozentsatz seiner Zeit? Wann kommt es für gewöhnlich online und von wo (Daten, deren Rohform bereits in den Verbindungslogs der Netzwerkprotokolle vorliegt)? Wer ist in seinem sozialen Zirkel? Auf wessen Meinung legt es Wert? Wer legt auf seine Meinung Wert?

Das sind die Aspekte, für die sich ein Propagandist interessiert und Facebooks Nutzerbasis lässt sich in der Tat freiwillig examinieren. Das Geschäftsmodell der Plattform war nie ein Geheimnis. Zehn Jahre sind mehr als genug Zeit, um sich eine Meinung über den Wert von Privatsphäre zu bilden. Wie gesagt: Die bohrenden Fragen des Psychoanalysten sind verhasst, die stillen Auswertungen der KI sind es nicht.

Ich wäre froh, wenn wir darauf verzichten könnten, diese Diskussion um eine moralische Dimension zu erweitern. Keiner von uns beiden wird davon profitieren, sich als Held der Herde aufzuspielen.

Klotz: Meine aufrichtigste Entschuldigung, Dr. Kramer. Ich hatte irrtümlich angenommen, Sie würden uns in Facebooks dunkelste Geheimnisse einweihen. Aber natürlich hätte ich mit Schwärmerei für die Datensammelwut rechnen müssen.

Eliphas: Man muss verstehen, was Facebook am Leben erhält, wenn man seinen (unausweichlichen) Tod verstehen will. Hier noch das finale Puzzleteil: Zugang.

In der Idealwelt des Propagandisten wäre dieser ein integraler Bestandteil vom Alltag des Subjekts. Er wäre da, wenn es seinen Wecker zum dritten Mal abwürgt. Wenn es sein Mittagessen ausscheidet. Wenn es die Hupe seines geleasten Mercedes malträtiert. Wenn es sich in seinen OnlyFans-Account einloggt. Wenn die ersten Hustensymptome einsetzen. Wenn das Investmentportfolio ins Rote abtaucht. Wenn es Zeit ist, Umweltfreundlichkeit zu heucheln.

Beobachtend. Ermutigend. Abratend.

Dieses Paradies existiert (noch) nicht, aber Facebook ist gezwungen, es zu approximieren. Ansonsten läuft der Konzern Gefahr, seine Kundschaft (mich) zu verlieren.

Um es nochmal zusammenzufassen, Facebooks Lebensblut ist ein dreilagiges Gemisch:

  • Abdeckung: Je mehr Leute sich auf der Plattform tummeln, desto repräsentativer die Daten und damit auch der Wert für Propagandisten. Die komplette Bevölkerung an Bord zu holen, wäre der heilige Gral.
  • Qualität: Die Plattform muss hochwertige Daten zum Nutzerverhalten liefern (und rudimentäre Analysewerkzeuge für technisch weniger gut versierte Propagandisten). Über diesen Aspekt hat Facebook am meisten Kontrolle und die Regressionsmodelle befinden sich in konstanter Optimierung.
  • Zugang: Idealerweise sollte sich die Datenauswertung auf alle Lebensbereiche des Subjekts erstrecken. Tote Winkel sind gefährlich, da sie zu falschen Schlüssen (und als Konsequenz daraus verschwendetem Geld) führen könnten.

Warum ist das relevant? Weil der Kampf um Abdeckung und Zugang mehr und mehr in ein Rückzugsgefecht übergeht. Ohne Verstärkung durch die Nutzerzahlen von Instagram und WhatsApp wäre Zuckerbergs Netzwerk bereits Geschichte.

Das Jahr, in dem der Wind gedreht hat, war 2012.

Klotz: Aber das war der Gipfel des prä-IPO Facebook.

Eliphas: Zenit ist das präzisere Wort. Jedes soziale Netzwerk hat eine finite Lebensspanne und den Profilfriedhof als unausweichliches Schicksal.

Der Grund dafür liegt in der menschlichen Natur: Früher oder später ist man es leid, dieselben alten Gesichter in demselben alten Interface zu sehen.

Klotz: Eine Pauschalaussage dieser Art mag Gültigkeit besitzen, aber in 2012 war nichts an Facebook alt. Es hatte gerade Friendster und MySpace im Straßengraben zurückgelassen und war vollgetankt mit Selfies von einer Milliarde Nutzer.

Eliphas: Einer Milliarde alternder Nutzer. Die treibende Kraft hinter Facebooks Expansion war das Sozialleben an den Universitäten. Der harte Kern seiner Nutzerbasis bestand aus Studenten, die über die Aktivitäten ihrer Kommilitonen informiert bleiben wollten. Und neben bloßem Informiertbleiben existierte auch das Bedürfnis einer sozial unbeholfenen Untergruppe, sich dem Mädchen von nebenan auf alternativen Wegen anzunähern. (Ich weiß, der rationale Van Ziegelstein hat kein Herz für Teenager-Drama, aber es müssen alle Faktoren berücksichtigt werden.)

Die Universitäten zum Ground Zero zu machen, erwies sich als Erfolgsstrategie, da das amerikanische College-Life bis ins letzte Himalaya-Tal exportiert war. Unabhängig aller kulturellen und linguistischen Differenzen, die zwischen einem alkoholisierten Harvard-Frischling und seinen Pendants an der LMU München und Delhi University bestehen mögen, der Campus-Alltag ist nahe genug am amerikanischen Original, um ein Konzept wie Facebook salonfähig zu machen.

Doch die Zeit steht nicht still und die ersten Nutzer des Like-Buttons sind (von einigen Ausnahmen abgesehen) nicht ewige Studenten geblieben. Sie haben das akademische Gütersiegel bekommen, danach das Open-Space-Büro im Megakonzern ihrer Wahl, danach Haarausfall und die Rechnungen, die mit Statussymbolen und geordneten Familienverhältnissen einhergehen.

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Klotz: Anders gesagt, sie haben sich in die Gesellschaft integriert.

Eliphas: Exakt. Integration ist das große Dilemma in diesem Kontext. Der Student wird irgendwann (mehr oder weniger) erwachsen. Eine Gruppe von Erwachsenen zieht automatisch mehr Erwachsene an. Aber der Skater, der gerade mit seinem Marihuana-Sack in den falschen Hörsaal gestolpert ist, möchte nicht in solch viktorianischer Gesellschaft abhängen. Sein Interesse gilt gleichaltrigen Kommilitonen und dem real-vielleicht-nicht-ganz-erreichbaren-aber-virtuell-definitiv-zugänglichen Mädchen von nebenan. Und es liegt in der Natur der Sache, dass der Skater bei Verfolgung dieser Interessen nicht unter der Aufsicht der Erwachsenen stehen, sondern sich möglichst weit von ihnen entfernen will.

Zuckerberg ist sich dieser Dynamik bewusst, weshalb er nicht zögerte, für den Instagram-Deal siebenstellige Argumente hochzufahren. Der Zugang zur jüngeren Datengeneration war jeden Preis wert.

Klotz: Das ist nicht das Märchen, das ich gehört habe. In der Periode von 2010 bis 2012 hatte Facebook noch keinen soliden Brückenkopf in der Smartphone-Welt. Es bestand die Gefahr, dass sich Twitter und die nun vergessene Geisterstadt namens Google+ als die Hegemonen dieses Marktes etablieren würden.

Instagram war eine rundum überlegene Version von Facebooks eigener Foto-Sharing-App, von daher war eine potentielle Akquisition sicher schon vor 2012 ein Thema. Die Zuckerberg-Lebensform sah sich jedoch unter Zugzwang, als Twitter dem Instagram-CEO ein Kaufangebot unterbreitete.

Eliphas: Faktisch nicht völlig inkorrekt, aber dennoch eine Fehlinterpretation. Twitter oder Google+ waren nie ernsthafte Gegner für Facebook. Das Netzwerk hatte immer nur einen Feind und sein Name ist Zeit.

Am Anfang des letzten Jahrzehnts lag Zuckerberg die Welt zu Füssen. Aber er stand auf dem Mount Everest eines ausgeschiedenen College-Jahrgangs und am Horizont zeichneten sich bereits dunkle Wolken ab.

Warum hat Facebook überhaupt in einen Smartphone-Brückenkopf investiert? Es ging immer um den nächsten Jahrgang. Die Jugend, welche auf die aktuelle Facebook-Jugend folgen würde. Die naiven, formbaren Millenial-Hirne (von extremem Wert für jeden Propagandisten), deren Toleranz für prüde Freundschaftsanfragen und Likes zusehends ausgeschöpft ist.

Zuckerberg hatte die Qual der Wahl. Er hätte das Unvermeidliche akzeptieren und auf einen sauberen Abgang hinarbeiten können.

Klotz: Einen sauberen Abgang? Für soziale Netzwerke gibt es nichts dergleichen. Friendster und MySpace mögen aus dem kollektiven Bewusstsein geschwunden sein, aber sie schlurfen noch immer als Untote durch das Internet.

Eliphas: Jene Netzwerke haben schlichtweg nicht vorausgeplant. Facebooks universitärer Eroberungsfeldzug war penibel durchorchestriert. Hätte Zuckerberg denselben Aufwand in die Ausarbeitung eines Exitplans gesteckt, wäre er vielleicht auf eine elegantere, bis dahin unentdeckte Route gestoßen.

Wer weiß, ein rascher Tod des Netzwerks hätte Zuckerberg möglicherweise zum Vorteil gereicht. Er hätte die Rufschäden der zweiten Dekadenhälfte umschifft und wäre dennoch als Übermensch aus dem Silicon Valley marschiert. Möglicherweise hätte ihn die Öffentlichkeit in diesem Alternativszenario schon vor 2021 als Metamessias akzeptiert.

Aber in unserer Zeitlinie hat sich Zuckerberg gegen Akzeptanz entschieden. Die Instagram-Akquisition war die erste Bluttransfusion, die Übernahme von WhatsApp die zweite. Keine hat Facebook geheilt. Denn die Diagnose lautet auf chronisch.

Dass sich die Uhr nicht zurückdrehen lässt, ist bereits evident: WhatsApp hat die jüngeren Jahrgänge an SnapChat verloren. Und unter den älteren Semestern gewinnen weniger datenhungrige Alternativen wie Telegram und Signal an Beliebtheit. Facebook entgehen also die Emojis von Jung und Alt.

Und auch der Jetset-Simulator von Instagram regt immer weniger Finger zum Scrollen an. Insbesondere weniger Finger der Generation Z, deren Realität von den Folgen der 2008-Talfahrt und einem algorithmisch regulierten Wirtschaftsleben geprägt ist.

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Klotz: Es ist zu früh, Instagrams Dahinscheiden zu verkünden, Dr. Kramer. Es ist immer noch das bevorzugte Versuchslabor für Ihre Berufskollegen.

Eliphas: Nicht für die, die vorausplanen. Ich ziehe es jedenfalls vor, mein Gedankengut in jungen Köpfen auszusäen, statt damit gegen den Dickschädel eines 30-Jährigen, dessen Weltbild erstarrt ist, anzurennen.

Um die Jugend von heute zu erreichen, müsste ich jedoch bei unseren chinesischen Freunden anklopfen.

Klotz: TikTok? Halten Sie die Plattform etwa für einen ernsthaften Facebook-Konkurrenten?

Eliphas: Sie ist der Grund für Zuckerbergs krampfhaftes Lächeln an der Connect 2021. Die Meta-Taufe war ein Beruhigungsakt, der die primären Umsatztreiber (mich) optimistisch stimmen sollte. Die Botschaft lautete: »Facebook wird mit einem neuen Fangnetz nach der Jugend fischen.«

Vergegenwärtigen wir uns, dass der Konzern Oculus im Jahr 2014 aufgekauft und seither (relativ) still an seiner VR-Technologie gefeilt hat. Carmacks Prototyp-Simulation ist das (relativ) unspektakuläre Ergebnis dieses Wirkens. Es widersprach jeder Logik, die Metaverse-Katze bereits jetzt aus dem Sack zu lassen. Immerhin hat Zuckerberg den Entwicklungsaufwand nach Jahren bemessen. Und da Logik nicht der entscheidende Faktor gewesen sein kann, muss ein Gefühl dahinterstecken. Furcht. Vor dem asiatischen Emporkömmling.

Logo der TikTok-Plattform.

Klotz: Angenommen es war Furcht. Glauben Sie nicht, der Haugen-Skandal und die bohrenden Fragen aus Washington sind die wahrscheinlicheren Auslöser?

Eliphas: Der Aufschrei in Washington ist politisches Theater. Nicht optimal für das Konzernimage, aber Titanen wie Facebook werden nicht durch schlechte Presse gefällt (die Tabakindustrie ist durch heftigere Medienstürme gesegelt und mit positiven Bilanzen zurückgekehrt).

TikTok ist ein anderes Kaliber. Ein Konkurrent, der genau die Nutzerdaten abgräbt, die Facebook zum Überleben braucht. Ein Konkurrent, der sich für keine noch so hohe Summe aufkaufen lässt und auf globale Expansion abzielt. Der schlimmste Alptraum jedes Tech-CEO.

Klotz: Ich soll also tatsächlich davon ausgehen, dass ich im Meta-Ankündigungsvideo eine panische Lebensform sehe?

Eliphas: Ihr müsst das Video nur anhalten und vergrößern, um die Panik aus den Augen zu lesen. Die Taufzeremonie wurde von einem in die Enge getriebenen Tier abgehalten.

Klotz: TikToks Auftritt auf der Weltbühne war zweifellos explosiv. Aber was lässt Sie annehmen, der Emporkömmling hätte die Ausdauer für eine Belagerung des Zuckerberg-Imperiums? In den Randregionen des Internets formieren sich ständig neue soziale Netzwerke, und in der Regel brennt das Feuer heiß und kurz.

Eliphas: TikTok trägt der mikronomisch kleinen Aufmerksamkeitsspanne der Jugend nicht nur Rechnung, es pfercht sie in ein Hamsterrad und lässt sie für sich arbeiten. Ein Perpetuum mobile, das durch die replikative Natur von Pseudo-Events in Gang gehalten wird. Wie Boorstin in seinem Buch The Image geschrieben hat (ich konnte leider keine deutsche Ausgabe finden, daher zitiere ich aus meiner eigenen, stilistisch grobschlächtigen Übersetzung):

Pseudo-Events generieren andere Pseudo-Events in geometrischer Progression. Teils, weil jede Art von Pseudo-Event (aufgrund seiner geplanten Natur) mit der Zeit ritualisiert wird, mit seinen eigenen (impliziten) Verhaltensregeln und einer zunehmenden Rigidität. Diese Rigidität führt zur Entstehung neuer, vom Original abgeleiteten Pseudo-Events, die flexibler, reizvoller und vor allem uneindeutiger sind. So hat die Formalisierung der Pressekonferenz (ein Pseudo-Event) die »Leaked Story« geboren. Und auch die »Leaked Story« wird irgendwann formalisiert und durch neue Formen ersetzt werden. Durchtriebene Politiker und Medienschaffende sind sich darüber im Klaren und wissen die Dynamik für sich zu nutzen. Selten für direkte Täuschung; häufiger für das Erzeugen von mehr »News« oder »Informationen«, oder für »die Verbesserung der Kommunikation«.

— The Image: A Guide to Pseudo-Events in America, Kapitel 4

Eliphas: Jeder Aspekt der TikTok-Plattform ist darauf ausgerichtet, Nutzer zur Nachstellung trendiger Clips zu ermuntern (will heißen, einen neuen Pseudo-Event aus einem bestehenden Pseudo-Event abzuleiten), wobei eine algorithmisch faire Chance auf 15 Sekunden Internetruhm besteht. Der Nutzerzuwachs in den vergangenen Jahren beweist, dass die Formel funktioniert.

Klotz: Sie haben nur das Englisch übersetzt, nicht das Propagandisch. Können Sie uns auch eine allgemeinverständliche Definition des Wortes Pseudo-Event liefern?

Eliphas: Der Pseudo-Event ist das Fundament der Moderne. Seine Eigenschaften werden am besten anhand des Einstiegsbeispiels von Boorstins Werk erklärt:

Die Besitzer eines Hotels, in einem Beispiel aus Edward L. Bernays’ Pionierwerk Crystallizing Public Opinion (1923), konsultieren einen PR-Berater. Sie fragen ihn nach Möglichkeiten, das Prestige des Hotels (und damit den Umsatz) zu erhöhen. In weniger komplexen Zeiten wäre die Antwort vielleicht gewesen, einen neuen Koch einzustellen. Oder die sanitären Anlagen zu verbessern. Oder die Zimmer neu zu streichen. Oder einen Kristallleuchter in der Lobby aufzuhängen. Die Lösung des PR-Beraters ist weniger direkt. Sein Vorschlag lautet, einen feierlichen Anlass zum 30. Jubiläum des Hotels abzuhalten. Ein Kommitee wird geformt — bestehend aus einem prominenten Banker, einer angesehenen Matrone, einem reputablen Anwalt, einem einflussreichen Prediger — und ein Ereignis inszeniert (sagen wir ein Bankett), in dem die führende Rolle des Hotels hervorgehoben wird. Die Feier wird abgehalten, mit Fotos dokumentiert, in die regionale Berichterstattung aufgenommen und das Ziel dadurch erreicht. Dieses Beispiel ist ein Pseudo-Event und illustriert all seine essentiellen Charakteristiken.

— The Image: A Guide to Pseudo-Events in America, Kapitel 1

Eliphas: Der Folgeparagraph geht mehr ins Detail, was die essentiellen Charakteristiken anbelangt:

Diese Feier ist, wie aus der Organisation ersichtlich, teilweise — aber nicht komplett — irreführend. Einerseits hätte der PR-Berater sein illustres Komitee wohl nicht formen können, wenn das Hotel nicht einen gewissen Stellenwert innerhalb der Gesellschaft besessen hätte. Andererseits kann dieser Stellenwert nicht außergewöhnlich hoch gewesen sein, denn in jenem Fall wäre das Kommitee auch ohne die führende Hand des PR-Beraters zusammengekommen. Nach Abhalten der Feier wird die Feier selbst zum Beweis für die herausragende Rolle des Hotels. Der Anlass macht das vorgegaukelte Prestige zur Realität.

— The Image: A Guide to Pseudo-Events in America, Kapitel 1

Eliphas: Ein Netzguru des 21. Jahrhunderts hätte diese Erklärung auf »fake it till you make it« abgekürzt. Mittlerweile ist hoffentlich klar geworden, dass die Gesamtheit der sozialen Netzwerke aus Pseudo-Events besteht, ebenso wie YouTube und Der Spiegel (und, wie es der Zufall so will, die Amazon-Produktseiten zu Euren Büchern).

Klotz: Und Zuckerberg läuft Gefahr, diesen Pseudo-Spaß zu verpassen, wie ich annehme?

Eliphas: Nicht, wenn er sein Metaverse verwirklichen kann. Generation Z ist (zu einem gewissen Grad) empfänglich für VR und Spiele. Sofern es Zuckerberg gelingt, sich zum Besitzer des virtuellen Spielplatzes aufzuschwingen, hat er die Chance auf einen Great Reset. Das neue Netzwerk könnte monetarisiert und beim alten der Stecker gezogen werden.

Klotz: Auch mit einem solchen Reset wäre der Zyklus nicht gebrochen. Das Metaversum würde altern, so wie Facebook gealtert ist und die grauen Zellen der Zuckerberg-Lebensform müssten einen noch spektakuläreren Nachfolger hervorbringen. Immer und immer wieder. Bis das Internet unter dem Gewicht der virtuellen Geisterstädte zusammenbräche.

Eliphas: Das kommt drauf an, wie zentral Facebooks Technologie für das Web3 sein wird. Wenn Zuckerbergs Spielplatz als einer von vielen endet (ohne besondere Qualitäten), dann ist der Zyklus tatsächlich nicht gebrochen. Falls sich Oculus jedoch zum Industriestandard mausert (zur Eintrittskarte ins Metaverse), dann wird Meta seinen Namen zurecht tragen.

Klotz: Ich schätze, es ist Zeit, den wahrscheinlichsten Verlauf zu bestimmen.

Wahrscheinliche Zukunftsszenarien

Klotz: Ich fasse mich kurz. Sofern der zuckerbergische Aufbruch ins Metaversum nicht nur Medienschauspiel bleibt, ist die wahrscheinlichste Endstation die große Leere: leere Geschäftskonten und ein leerer Spielplatz.

  • Facebook setzt auf VR und feilt damit an der Optimierung der Kutsche, während in irgendeiner Garage ein Henry Ford (möglicherweise) am Automobil tüftelt. Durch den Fokus auf Oculus hat der Konzern die BCI-Technologiesparte an Rivalen abgetreten.
  • Selbst wenn John Carmack die perfekte Simulation zusammenstellt, so existieren bereits konkurrierende Welten wie Decentraland und Sandbox. Facebook wird nicht all diese Welten schlucken können und die Vision eines einzigen Metaversums ist daher bereits passé.

Eliphas: Basiert Euer Glaube an das Brain-Computer-Interface auf konkreten Anhaltspunkten oder ist es blinde Zuversicht, die da aus Euch spricht?

Klotz: Er basiert auf diesem Dokument. Unser Stammesorakel hat den wahrscheinlichsten Ausgang des 21. Jahrhunderts errechnet: Eine Konzernallianz wird den Erdball erobern und eine neue Art von Logikeinheit (genannt Neuristor) den Markt. Das Initialkonzept für diese Logikeinheit wird im Rahmen des Neuralink-Projekts entstehen.

Eliphas: Faszinierend. Ihr geht demnach davon aus, dass Neuralink mehr als nur PR-Substanz an sich hat. Das kann nur ein Irrtum sein.

Klotz: Zugegeben, diese Prognose erscheint zum gegenwärtigen Zeitpunkt mehr als gewagt. Meinen zweiten Kritikpunkt (die Metamultiversumstheorie) werden Sie jedoch nicht so leicht wegwischen können, Doktor. Ich habe den historischen Kontext auf meiner Seite.

Silicon Valley hat sich noch nie darauf beschränkt, eine disruptive Technologie in einheitlicher Form auf die Welt loszulassen. Stattdessen hat der Wettstreit zwischen den Superhirnen seit jeher mehrere Lösungen für dasselbe Problem produziert. Mehrere PC-Hersteller, mehrere Betriebssysteme, mehrere E-Mail-Programme, mehrere Text- und Bildformate. Disruption kam stets in einem Mischmasch identisch anmutender (aber untereinander häufig inkompatibler) Editionen daher.

Nehmen wir alltägliches Webbrowsen als Beispiel. Der gelangweilte Click auf einen Link versetzt einen ganzen Protokolldschungel in Aufruhr. Verbindungskanäle müssen aufgebaut, Übertragungsraten festgelegt, Datenpakete zerhackt (und an ihrer Destination wieder zusammengesetzt), SSL-Zertifikatketten validiert, Bild- und Videodateien von regulärem Text getrennt, HTML- und CSS-Dokumente in Abstimmung mit (welchen?) Sprachstandards verarbeitet und JavaScript-Code vom Interpreter ausgeführt werden. Und das alles auch noch unter der Wahrung von Sicherheitsmechanismen wie der Same-Origin-Policy. Jede dieser Aufgaben repräsentiert eine technische Problemsupernova. Aus der Perspektive eines Ingenieurs wäre der pragmatische Weg, sich einmal hinzusetzen und eine Lösung zu programmieren und diese Lösung anschließend auf allen Geräten zu verwenden. In der Praxis ist es anders gekommen:

Icon des Web-Browsers Firefox. Icon des Web-Browsers Google Chrome. Icon des Web-Browsers Internet Explorer. Icon des Web-Browsers Safari. Icon des Web-Browsers Opera. Icon des Web-Browsers Samsung Internet.

Klotz: Diese Liste ist keinesfalls abschließend. Es gibt noch hunderte weniger beliebte, schlechter programmierte (obwohl nichts die brennende Müllschneise der Internet-Explorer-Serie schlagen kann) Browserimplementationen.

Silicon Valley hat es vorgemacht und inzwischen ist Disruption in Mehrfachauflage Tradition. Die Binance-Handelsplattform unterstützt mehr als 500 Kryptowährungen (Stand Januar 2022). Man kann sich nur schwer eine Welt vorstellen, die Bedarf an 500 dezentralen Transaktionssystemen hat. Und doch sind wir hier.

Für Sie ist das Schnee von gestern, Dr. Kramer, ich weiß. Aber für unsere Stammesmitglieder, die keinen technischen Hintergrund haben, dürfte es ein Schock sein, dass Innovation nur ein gelegentliches Phänomen ist. Die meiste Zeit über befindet sich die Industrie einfach im Leerlauf.

Eliphas: Das ist der freie Markt. In diesem Fall wäre ein effizienteres System aber sehr wünschenswert. All die Ressourcen und Denkleistung, die in die Entwicklung dieser Alternativlösungen fließen. All die Kompatibilitätsroutinen und Präventionsmechanismen, die im Nachhinein eingebaut werden müssen, nur weil [ Name einer größeren Institution hier ] halbfertigen Code auf den Markt geworfen hat. Wir hätten bereits den Mars kolonisiert, wenn dieses egozentrische Chaos nicht wäre.

Ihr seid tapfer (obgleich nicht tapfer genug, da der Brave-Browser in Eurer Liste fehlt) das Icon des in Ungnade gefallenen Internet Explorers in die Hand zu nehmen. Dass Microsoft keinen anderen Weg aus der Wartungshölle sah, als den über Jahrzehnte angewachsenen Code-Haufen niederzubrennen, ist einer der absurdesten Höhepunkte in der (ewig andauernden) Neuerfindung des Programmierrads .

Icon des Web-Browsers Microsoft Edge.

Klotz: Es war anzunehmen, dass Sie für mehr Effizienz plädieren. Ich kann mich dem nicht anschließen, auch wenn die konkurrierenden Standards und Lösungsansätze ein Fluch für (vergangene, gegenwärtige und künftige) Programmierer sind. Leider ist es genau der Fluch dieser Ineffizienz, die uns vor der Tyrannei eines einzelnen Tech-CEOs bewahrt.

Möglich, dass die Zuckerberg-Lebensform alle technischen Hürden überwinden wird. Aber sie wird niemals die chaotische Natur der Tech-Industrie selbst überwinden. Zeitgleich mit Facebooks Metatransformation wurden im Parallelmetaversum der Kryptoszene Millionenbeträge auf virtuellen Grundstücken und JPEG-Auktionen verheizt. Und mit Dezentralisierung als dem obersten Gebot aller Blockchain-Projekte wird es wohl kaum zu einem Brückenbau mit der zuckerbergischen Dimension kommen. Eher zu einer Steinigung.

Youtube video:

Klotz: Außerdem ist Facebook nicht der einzige Riese des Silicon Valley und auch nicht der einzige mit tiefen Taschen. Mit Sicherheit wird es eine Rückkehr des Google Glass Monstrums geben.

Alles in allem ist es ziemlich unwahrscheinlich, dass das Zuckerberg-Metaversum zu dem Metaversum wird.

Eliphas: Gemäß Eurer Logik wird sich Marktdominanz einzig durch Elimination herstellen lassen. Aber um zu gewinnen, muss Meta nur der angesagteste Spielplatz sein. Nicht der einzige.

Existiert nur eine Suchmaschine? Im Gegenteil, dem Internetnutzer von heute bieten sich gleich mehrere Namen an: Bing, Yahoo, Google, das möglicherweise-nicht-datenhungrige DuckDuckGo (und Baidu, wenn wir die Spielzeuge der CCP mitzählen).

Diese vordergründige Diversität erstreckt sich nicht auf die Nutzerzahlen. 90% des Datenvolumens sind in einer einzigen Suchmaschine konzentriert: Google. (Es ist eine andere Geschichte, wenn wir die Zahlen hinter der chinesischen Firewall miteinberechnen. Da Xis Kaiserreich aber ein Kartenhaus mit Schauspielkapitalismus ist, gehört es aus Analysen des freien Markts ausgeklammert.)

Für Zuckerberg ist es ausreichend, eine ähnliche Position anzustreben.

Klotz: Anstreben ist noch milde ausgedrückt. Es wird sorgfältige Planung und rasches Handeln vonnöten sein. Das metaisierte Facebook von heute ist weder sorgfältig noch rasch. Der Konzern steckt im Morast interner Skandale und politischer Hahnenkämpfe fest. Selbst wenn die negative Presse über Nacht verschwände, die Narben würden bleiben.

Eliphas: Ihr überschätzt den Donner des Moments, genau wie bei unserer Diskussion zu Cyberpunk 2077. Ich werde daher wiederholen, was ich schon damals gesagt habe: Menschen vergessen schnell und das Internet noch schneller.

Mahnende Zeigefinger aus Washington schmerzen Zuckerberg nicht und viele seiner feurigsten Kritiker beziehen ihre Gage aus seiner Hand. (Zudem müssen Politiker von Zeit zu Zeit so tun, als ob sie die Interessen des Volkes vertreten. Doppelte Motivation für den Bühnenauftritt.)

Dann gibt es noch die Schar der Unzufriedenen, welche die Plattform kritisiert aber weiterhin nutzt. Diese Untergruppe kann ignoriert werden.

Eine alte Karikatur des kapitalistischen Krakens namens Standard Oil.

Eliphas: Ihr sagt, Zuckerberg wäre zum Scheitern verurteilt, selbst in dem Fall, da Carmack den perfekten VR-Spielplatz bauen würde. Ich sage das Gegenteil voraus. Die grasende Herde wird sich zur grünsten Weide bewegen. Kaum jemand wird den Besitzer der Weide kennen oder sich für seine Identität interessieren. Die Herde denkt ans Grasen und an nichts anderes.

Haben die Gerüchte um Einflussnahme durch die CCP die Verbreitung von TikTok im Westen gebremst? Natürlich nicht. Die Jugend hat keine Zeit für solche abstrakten Themen. Sie hat nur 15 Sekunden.

So unbeliebt der Name Zuckerberg auch sein mag, er wird die Metaverse-Pilger nicht fernhalten.

Klotz: Ich kann einem Propagandisten nicht widersprechen, was die öffentliche Meinung angeht. Aber ich sehe auch nicht, wie Facebook dieses Rennen gewinnen kann. Der Konzern hat zu viele Kampagnen an zu vielen Fronten und seine Kriegskasse ist nicht unerschöpflich.

Eliphas: Dann sind wir wohl einmal mehr an einem toten Punkt angekommen.

Klotz: So scheint es.

Fazit

Klotz: Sie haben wiederholt auf Snow Crash Bezug genommen, Dr. Kramer. Es stört Sie hoffentlich nicht, wenn wir zum Schluss ein weiteres Mal in Stephensons Buch schauen.

Im Roman gibt es nur ein Metaversum, aber die Realität ist weniger einheitlich, besonders in den Vereinigten Staaten: Hyperinflation hat den Regierungsapparat zerfallen lassen (unangenehm nahe an der Realität von 2022) und an seine Stelle sind Burbclaves und Franchisemäßig Organisierte Quasi-Nationale Entitäten (häufig zu FOQNE abgekürzt) getreten.

MetaCops Unlimited ist die offizielle Friedenstruppe von White Columns, wie auch von den Mews at Windsor Heights, den Heights at Bear Run, Cinnamon Grove und den Farms of Cloverdelle. Darüber hinaus überwacht sie die Verkehrsvorschriften auf sämtlichen von Fairlanes Inc. betriebenen Schnell- und Nebenstraßen. Auch eine Reihe anderer FOQNEs nehmen ihre Dienste in Anspruch: Caymans Plus und The Alps, zum Beispiel. Echte Franchise-Nationen dagegen bevorzugen eigene Polizeitruppen. Jede Wette, dass Metazania und Neu-Südafrika ihre Sicherheit selbst in die Hand nehmen; der einzige Grund, wieso sich Leute dort einbürgern lassen, ist, um eingezogen zu werden. Selbstverständlich regelt auch Nova Sicilia seine Sicherheitsbelange selbst. Narkolumbien braucht überhaupt keine Ordnungshüter, da sich ohnehin niemand traut, mit weniger als hundertsechzig Sachen an der Franchise vorbeizurasen (in Vierteln mit vielen narkolumbischen Konsulaten kann Y. T. immer einen Höllenschub abgreifen), und Mr. Lees Groß-Hongkong, die Großmutter aller FOQNEs, erledigt die Sache auf typische Hongkong-Art — mit Robotern.

— Snow Crash, deutsche Edition von FISCHER E-Books, Kapitel 6

Klotz: Hier ist nicht von abgegrenzten Vierteln die Rede. Sondern von vollwertigen Staatsgebilden mit individuellem Gesetzeskatalog (und Methoden für dessen Durchsetzung) und eigener Währung. Von einer FOQNE in eine andere zu wechseln ist gleichbedeutend mit der Emigration in ein anderes Land.

Und das wird auch die Zukunft des Internets sein. Ob mit oder ohne zuckerbergischem Metaversum spielt keine Rolle. Das Netz wird in Fürstentümer aufgeteilt und das freie Browsen, wie wir es heute gewohnt sind, nur noch gegen Abgaben bzw. Tributzahlungen möglich sein.

Das technologische Fundament für solche Migrationsprozesse liegt bereits vor: Die Kryptowährungen mit der größten Marktkapitalisierung sind nach wie vor Bitcoin und Ethereum (Stand Januar 2022). Jede dieser beiden Währungen hat eine eigene Blockchain und diese beiden Blockchains sind natürlich (wie es den Bräuchen der Tech-Industrie entspricht) nicht miteinander kompatibel.

Allerdings finden die Geldverbrennungsaktionen rund um das Buzzword Decentralized Finance auf der Ethereum-Blockchain statt. Um Bitcoin-Besitzer nicht vom DeFi-Casino auszuschließen, wurde wrapped Bitcoin (WBTC) ins Leben gerufen: ein Ethereum-Token mit der singulären Funktion, Bitcoin an den DeFi-Spieltischen zu repräsentieren (so wie der klassische Casino-Chip Geld repräsentiert).

Diese Trends lassen sich in die Zukunft extrapolieren: Wir schreiben das Jahr 2077 und Elon Moonshot ist gerade in Nintendos Marioversum angekommen. Beim Runterschauen muss er entgeistert feststellen, dass seine Hose und die silbernen Nikes verlorengegangen sind. Sie wurden mit Protokollen des Mikroversums fabriziert und das Marioversum unterstützt diese nicht. Elon Moonshots Panik verflüchtigt sich, als sich ein adretter Werbeavatar an seiner Seite materialisiert: MicroBridge ist ein Dienstleister, dessen Mission es ist, Brücken ins Marioverse bereitzustellen. Der Avatar bietet Elon Moonshot an, seine inkompatiblen Kleidungsstücke zu konvertieren (gegen ein kleines Entgelt, versteht sich). Elon Moonshot willigt erleichtert ein. Nun kann er sich unter die Leute mischen.

Eliphas: Ausgehend von der heutigen Tech-Industrie liegt eine solch fragmentierte Zukunft im Bereich des Möglichen. Ich sehe Zuckerberg jedoch nicht als eine irrelevante Variable. Seine Like-Buttons in ein dreidimensionales Universum zu überführen, wird biblische Zahlen erfordern, aber er hat solche Zahlen in seinem Arsenal.

Hier liegt eine Verwechslung vor, Euer Ehren. Ich bin nicht Mark Zuckerberg, ich bin Zark Muckerberg, CEO von Meta.

Wenn wir uns an Zuckerbergs Roadmap orientieren, dann hat Meta noch ein ganzes Jahrzehnt, um sich von Facebooks alternder Technologie und seinem überalterten Ruf abzukoppeln. Und irgendwann wird es den Namen Facebook vollständig hinter sich gelassen haben. Belächelt nicht die Macht der Propaganda. Eine solide Kampagne wird die Disassoziation herbeiführen, denn (ich kann es nur wiederholen) Menschen vergessen schnell und das Internet noch schneller.

Das beste Szenario würde ganz dem Motto Build Back Better entsprechen: Ein endgültiges Ende der lebenserhaltenden Maßnahmen des Netzwerks-das-nicht-mehr-genannt-werden-darf und die Einweihung einer neuen Datenmine im Web 3.0. Und damit letzten Endes der Anbruch eines goldenen Zeitalters für eine neue Generation von Propagandisten.

Auf dem Papier müsste sich Metas Metaverse vielleicht mit anderen Welten messen (so wie sich Google auf dem Papier mit Bing und Yahoo messen muss). Aber sein Kosmos wäre der einzige von Relevanz.

Klotz: Ein poetischer Schlusspunkt. Hätten Sie doch nur mit derselben Überzeugung für unsere Sache gekämpft.

Eliphas: Überzeugung ist kein Faktor in meinen Überlegungen. Ich handle nach Fakten.

Klotz: Sie haben das mehr als einmal klargemacht, Dr. Kramer.

Eliphas: Ich wollte nur sichergehen. Außerdem spüre ich, dass ich Eure Gastfreundschaft aufgebraucht habe. Von daher werde ich mich nun verabschieden. Es sei denn, es gibt noch mehr zu besprechen?

Klotz: Nicht von meiner Seite. Sie finden hoffentlich allein raus. Und möge die Zeit bestimmen, wer von uns des (Meta-)Prophetentitels würdig ist.

Eliphas: Ich erschaffe die Propheten, nach denen die Masse verlangt. Ich muss nicht selbst zu einem werden.